Meine Erfahrung mit /e/OS

Wenn man sich eine Weile intensiv mit Smartphones, ihrer Funktionsweise und den Unternehmen dahinter beschäftigt, dann kommt man meiner Meinung nach relativ bald zu der Einsicht, dass das aktuelle Duopol von Google und Apple keine gute Wahl bietet, sondern eher wie eine Wahl zwischen Pest oder Cholera erscheint. Grundlegend sind dabei für mich nicht die gebotenen Features, sondern der Umgang mit dem Nutzer. Es ist weithin bekannt, dass Google als Werbekonzern und als Entwickler von Android seine Nutzer ausspioniert und fleißig Daten sammelt. Viele heben dagegen hervor, dass der Datenschutz bei Apple im Vergleich wirklich gut ist. Freilich sind Apples Versprechen nur schwer zu überprüfen, da der Code nicht offen gelegt ist. Und noch schlimmer: Apple legt es wie kein anderer Konzern darauf an, seine Nutzer in die eigene Welt einzusperren, indem gezielt Inkompatibilitäten geschaffen werden (natürlich immer nur im Namen der “Sicherheit” – das seit jeher übliche Argument, um eine unverhältnismäßige Machtzuschreibung zu rechtfertigen). Dadurch sind Apple-Nutzer vollständig und blind dem Konzern und seinen Wünschen ausgeliefert. Aus diesem Blickwinkel wird Android doch wieder interessant: Android als Betriebssystem ist quelloffen und somit transparent und offen für andere Entwickler. Google gewinnt seine Macht über das System im Wesentlichen durch die proprietären Play Services, die neben wichtigen Hintergrunddiensten vor allem den PlayStore und damit den zentralen Zugang zu Anwendungen enthalten. Doch die grundsätzliche Offenheit von Android hat sich vor ein paar Jahren eine Initiative aus Paris namens e.Foundation zu Eigen gemacht, um /e/OS zu entwickeln. Das ehrgeizige Ziel: Android zu einem von Google unabhängigen, freien Betriebssystem umbauen, das sowohl die Freiheit als auch die Privatsphäre seiner Nutzer respektiert! In diesem Beitrag möchte ich von meiner Erfahrung mit diesem Betriebssystem auf meinem Fairphone 3+ berichten.

Das Betriebssystem /e/

Aufmerksam geworden auf /e/ bin ich durch verschiedene Rezensionen auf heise online.de, auf mobilsicher.de, bei Linux Guides (Youtube) und bei The Linux Experiment (Youtube), die allesamt sehr positiv waren. Nicht nur, dass /e/OS Google-Dienste durch datenschutzfreundliche Alternativen ersetzt hatte; es setzte dabei zudem auf viele Apps, die ich sowieso schon nutzte. Die Cloud-Plattform von /e/ ist eine Nextcloud, über die sich persönliche Daten, Kontakte, Kalender usw. synchronisieren lassen. Mails werden über K9-Mail abgerufen, Fotos macht man mit Open Camera, zur Navigation dient Magic Earth. Hier zeigt sich auch, dass /e/OS den nötigen Pragmatismus mitbringt: MagicEarth ist zwar nicht quelloffen, aber trotzdem eine datenschutzfreundliche und komfortable Alternative zu Google Maps. /e/OS ist der Versuch, ein möglichst datenschutzfreundliches und dabei trotzdem komfortables Betriebssystem für den Durchschnittsnutzer anzubieten, der sich nicht stundenlang durch Foren wühlen will, um letztendlich einen nervigen Bug mit einer paar Befehlen auf der Kommandozeile zu beheben. Und in den oben verlinkten Rezensionen lässt sich schon ein guter Einblick gewinnen, wie gelungen dieser Ansatz ist. Ich möchte hier von meinen eigenen Erfahrungen nach dreimonatiger Benutzung berichten. Ich entschied mich für das Fairphone 3+, weil ich zum Einen ein möglichst nachhaltiges Smartphone wollte und zum Anderen wusste, dass die e.Foundation mit dem Fairphone-Unternehmen kooperiert, sodass ich ein gut funktionierendes Smartphone erwartete. Das bestellte Smartphone war nach wenigen Tagen da und so konnte ich mit der Einrichtung beginnen.

Die Einrichtung

Die erste angenehme Beobachtung: Ich konnte zwar bei der e.Foundation ein Konto anlegen, um meine Daten über deren Nextcloud zu synchronisieren, aber ich wurde nicht dazu gezwungen. Da ich sowieso schon seit Jahren meine eigene Nextcloud nutzte, erstellte ich also kein Konto, sondern landete nach kurzer Zeit als normaler lokaler Nutzer in der App-Übersicht! Das grundlegende Design ist stark an iOS angelehnt, was für mich etwas ungewohnt, aber durchaus schick ist. Als Erstes installierte ich den F-Droid-Store. /e/ kommt zwar mit einem eigenen Appstore, aber weil die Vertrauenswürdigkeit der Paketquelle (cleanapk.org) schwierig einzuschätzen ist (mehr dazu in den oben verlinkten Rezensionen), wollte ich möglichst wenig darauf zurückgreifen. Meine persönliche Vermutung: Die Paketquelle wird zwar von der e.foundation betrieben, aber sie können das aufgrund rechtlicher Probleme nicht offiziell machen – wer als unbekannte, kleine Initiative Apps anbieten will, die die Entwickler wegen fehlender Bekanntheit nicht selbst eingereicht haben, muss wohl auf Wegen im rechtlichen Graubereich Apps beschaffen. Ich möchte das Risiko durch die Nutzung des F-Droid-Store möglichst gering halten, habe aber grundsätzlich durchaus Vertrauen, dass die e.Foundation die Apps im eigenen AppStore vernünftig prüft. Aus dem F-Droid-Store installierte ich dann den Großteil der Apps, die für mich wichtig sind. Mit Nextcloud und davx5 konnte ich meine Kontakte, Kalender und Dateien synchronisieren, mit OpenTodoList meine Aufgaben und mit Joplin meine Notizen. Dazu kamen eine ganze Reihe weiterer Apps aus dem F-Droid-Store. Für Youtube installierte ich NewPipe und für Twitter die App SlimSocial for Twitter. Die letzten beiden nutzen die jeweilige mobile Website, um den Zugang zur jeweiligen Plattform unter Preisgabe möglichst weniger Daten zu ermöglichen. Diese Idee verfolgt auch die App “WebApps”, mit der sich im Prinzip jede Webseite als App verpacken lässt. Das Speichern der Zugangsdaten klappte dabei aber unterschiedlich gut – bei Amazon und der NOZ (lokale Nachrichten) gelang es ganz gut; bei heise online und Iserv (Schulplattform) gelang es weniger gut. Und so kamen die ersten Apps aus dem Appstore von /e/ hinzu. Andere Seiten wie Thalia oder Tagesschau habe ich mir als Browser-Lesezeichen hinterlegt und bei Bedarf melde ich mich ganz schnell über meinen Passwortmanager an. Insgesamt lässt sich sagen, dass sich im Jahr 2021 viele Webseiten bereits sehr komfortabel auf dem Smartphone nutzen lassen, ohne dass man sich extra eine App installieren muss, die viel mehr Rechte auf dem Smarthpone will als eine schlichte Webseite. In anderen Fällen wie bei Otto.de oder den Mediatheken von ARD und ZDF konnte ich mir auf der jeweiligen Webseite eine Progressive Web App (PWA) installieren, bei der es sich im Grunde genommen auch um die mobile Webseite handelt, die aber um sogenannte Service Worker erweitert wird, die sich um das Speichern von Zugangsdaten und weiteren Dingen kümmern. Zu all den genannten Webseiten hätte ich mir auch direkt die entsprechende App aus dem Appstore von /e/ installieren können, aber aus den genannten Gründen und auch aus Neugier, wie weit dieser Weg führen würde, verzichtete ich darauf. Natürlich installierte ich auch Apps aus dem Appstore von /e/ – allen voran WhatsApp, um das ich leider nicht herumkomme, wenn ich mit allen meinen Freunden Kontakt halten will. Auch Signal installierte ich aus dem Appstore, weil die Version von der Signal-Webseite leider deutlich veraltet war. Threema dagegen konnte ich komfortabel von der Webseite kaufen und herunterladen. Die App aktualisiert sich nun selbst, so wie man es von Windows gewohnt ist.

In der Praxis

Bis hierhin zeigte sich: Das Fairphone mit /e/OS funktionierte einwandfrei! Alles lief flüssig, sah schick aus und produzierte keinerlei Fehlermeldungen. Es ließ sich frei nach den eigenen Wünschen konfigurieren und produzierte dabei keine Bedenken, dass ich mich bei der Nutzung irgendwie selbst verkaufen würde. Klasse! Und was soll ich sagen: Im Wesentlichen blieb dieser Eindruck in den letzten drei Monaten genau so bestehen. Ein paar kleine Probleme gab es aber auch: Am Anfang funktionierte das Telefonieren nicht und die Karten-App Magic Earth stürzte regelmäßig beim Starten ab. Das wurde aber schnell mit dem nächsten System-Update im Dezember behoben – immerhin wurde das Handy auch erst seit Anfang November unterstützt. Seitdem funktioniert die Karten App problemlos. Beim Testen der Navigation zeigte sich, dass man sicher ans Ziel kommt – allerdings fehlten in einem Fall die aktuellen Verkehrsdaten, sodass wir in eine Vollsperrung gelotst wurden. Dies ließ sich aber in Magic Earth einfach als Sperrung markieren und so suchte die App eine Umleitung heraus. Beim Telefonieren hatte ich als Nächstes das Problem, dass ich einen Anruf nicht annehmen konnte, wenn mein Bildschirm aus war – der Bildschirm blieb nämlich schwarz und ein Druck auf die Power-Taste glich einem “Anruf ablehnen”. Ich installierte mir also statt der Standard-Telefon-Anwendung den Simple Dialer von den sowieso empfehlenswerten Simple Mobile Tools. Seitdem kann ich telefonieren – einziges Problem bleibt, dass ich relativ leise zu hören bin, wenn ich nicht direkt ins Mikrofon spreche. Das scheint aber ein Problem zu sein, das bei Fairphones manchmal vorkommt und nicht auf /e/ zurück zu führen ist. Mit dem nächsten Systemupdate aus dem Januar wurde dann auch weiter am Erscheinungsbild geschraubt, sodass die System-Apps einheitlicher daherkommen. Mir persönlich ist das nicht besonders wichtig, aber schick ist es schon. Im Januar fragte ich auch das erste Mal eine App im /e/ Appstore an, die bisher nicht vorhanden war (die Geogebra Calculator Suite) und war erfreut, diese nach einigen Tagen im Appstore zu finden und installieren zu können. Eine weitere App dagegen, die Scanner SDK App, wurde leider immer noch nicht hinzugefügt. Mit den Apps aus dem /e/ Appstore habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Trotz fehlender Google Services für Android funktionieren sie mit der implementierten Alternative microG sehr gut. Allerdings kann ich auch sagen, dass die Anzeige des Privatsphäre-Scores und der integrierten Tracker (nach Informationen aus dem Exodus Privacy Projekt) mich vor der Installation von zwei, drei Apps bewahrt hat. Andere dagegen nutze ich mit eher schlechtem Gefühl weiter. Das Gute ist jedoch, dass /e/ mir die Wahl lässt. Ausgehend von einem datenschutzfreundlichen System kann ich mir danach immer noch (fast) jede App installieren, auch wenn sie nicht dem ursprünglichen Gedanken entspricht – so pragmatisch, freiheitlich und komfortabel eben, wie /e/ ist.

Fazit

/e/OS ist zwar noch klein und in der Entwicklung, aber es ist die beste Chance auf Freiheit und Privatsphäre auf dem Smartphone für den Durchschnittsnutzer, die ich kenne. Ich kann allerdings nichts dazu sagen, wie Spiele, Facebook, Instagram, SnapChat, TikTok, … unter /e/OS laufen, da ich diese nicht nutze. Natürlich ist meine gesamte App-Auswahl individuell und es mag Apps geben, die nicht so gut funktionieren oder im /e/ Appstore nicht vorhanden sind. Nach drei Monaten im Alltagsgebrauch bin ich jedoch rundum zufrieden und muss mich in keiner Weise einschränken oder auf lange Fehlersuchen einlassen. /e/ funktioniert einfach. Es bietet mir eine sichere Basis und lässt mir gleichzeitig die Freiheit, nicht nur meine eigene Cloud-Infrastruktur zu nutzen, sondern auch so viel Privatsphäre aufzugeben, wie ich bereit bin, um die ein oder andere App zu nutzen, um die ich dann doch nicht herum komme. So viel Freiheit ist wirklich wohltuend!

2 Gedanken zu „Meine Erfahrung mit /e/OS“

  1. Hallo Herr Voss,

    es ist schön zu hören, das die foundation sich offenbar positiv entwickelt. Ich selbst habe vor ca. 1 Jahr ein S7 erstanden und e/os/ aufgespielt. Leider war ich durch abstürzende Apps, eine unterirdische Akkuleistung, unmögliche Navigation und zu guter letzt auch fehlendem Support (zwischenzeitlich eingestellt) für das S7 so entnervt, das ich in die „Welt der Äpfel“ zurückgekehrt bin.
    Ihr Beitrag macht mir aber Hoffnung, so das ich es wieder probieren werde.

    Es wäre schön in einiger Zeit von neuen, hoffentlich guten, Erfahrungen aber auch den schlechten zu lesen.

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    • Hallo Herr Lange,
      danke für Ihre Ergänzungen! Ich hoffe, dass sich die Situation mit /e/OS auch auf dem S7 inzwischen gebessert hat. Beim Fairphone kann ich sagen, dass weiterhin fast alles gut funktioniert. Nur die ebay Kleinanzeigen App funktioniert nicht vernünftig: Die Menüpunkte lassen sich leider nicht anwählen, sodass die App im Wesentlichen unbrauchbar ist. Zur Navigation habe ich mir inzwischen doch noch einmal Google Maps als PWA “installiert”, weil es die aktuelle Verkehrssituation deutlich besser berücksichtigt und ich die Strecke quasi noch mal kontrollieren kann. Der Akku hält bei mir für etwa zwei Tage. Nicht besonders viel, aber auch nicht weniger als bei meinem vorherigen Mittelklasse-Smartphone. Alles in allem bin ich nach wie vor gut zufrieden 🙂

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